Fortschritte Erneuerung B10 Ulm
Noch einmal kurz für Neueinsteiger im Thema „Erneuerung B10“:
Die Stadt Ulm setzt aktuell eines der größten Infrastrukturprojekte in der Stadtgeschichte der letzten Jahrzehnte um. Das XXL-Projekt Erneuerung B10 umfasst den Neubau der Wallstraßenbrücke, den Bau des Blaubeurer Tor-Tunnels und den Umbau des Blaubeurer Ringverkehrs.
Es ist das erste Mal in Deutschland, dass ein Projekt mit dieser Größenordnung im "Partnering"-Verfahren realisiert wird.
Projektbeteiligte sind die Arbeitsgemeinschaft (ARGE), bestehend aus der MATTHÄUS SCHMID Gruppe und dem Bauunternehmen Leonhard Weiss, sowie die Projektverantwortlichen der Stadt Ulm.
Start des Partnering-Verfahrens war August 2024. Die Projektfertigstellung ist für das Frühjahr 2030 festgelegt – pünktlich zur Eröffnung der Landesgartenschau in Ulm.
Ingenieurprojekte der MATTHÄUS SCHMID Gruppe
Die MATTHÄUS SCHMID Gruppe ist für den Neubau der Wallstraßenbrücke sowie den Neubau von zwei Fußgänger- und Radfahrbrücken am „Alten Fritz“ verantwortlich.
Im Ingenieurprojekt Neubau Wallstraßenbrücke war und ist die Begleitung des Brückenrückbaus, die Herstellung der Tiefengründung für die neuen Brückenpfeiler, der Bau der Brückenpfeiler und Widerlager sowie der Überbau eingeschlossen.
Der gesamte Prozess – Rückbau, Tiefengründung und schließlich der Brückenbau –erfolgt in zwei geschlossenen Bauetappen. Damit wird sichergestellt, dass der Verkehr durchgehend auf der B10 – wenn auch nur auf zwei Spuren fließen kann.
Aktuell befindet sich das Projekt in der westlichen und damit ersten Ausführungsetappe. Die Tiefengründungen für die Achsen 20 bis 40 sind abgeschlossen, die Achsen 50 und 2 x 60 befinden sich in Arbeit. Die Pfeiler auf den Achsen 20, 30 und 40 sind bereits weit vorangeschritten. Mit dem Überbau soll im Dezember 2026 gestartet werden.
Ab November 2027 wird sich der Prozess am östlichen Teil der Brücke wiederholen. Rückbau, Tiefengründung, Brückenbau.
Die Eröffnung der neuen Wallstraßenbrücke ist für Ende 2029 geplant.
Das Großprojekt Erneuerung B10 umfasst insgesamt 42 Ingenieurprojekte.
Die Storys in der Story
Vergangene Woche konnte die SCHMID Redaktion mit einigen der SCHMID Brückenbauexperten Kurzinterviews führen und die Baustelle besuchen.
Text und Interview: SCHMID Redaktion
Interviewpartner:
Bauleiter in Doppelspitze:
Dietmar Gerner, Oberbauleiter Brückenbau
Johannes Traub, Bauleiter in der Abteilung Roh- und Ingenieurbau
Poliere, ebenfalls in Doppelspitze:
Helmut Sauter, Ingenieurbau
Alwin Hagel, Ingenieurbau
Redaktion: Als Helmut uns über die Baustelle führte und wir auf dem zweiten Höhenabschnitt des Brückenpfeilers auf Achse 30 standen, habe ich mich gefragt, wie man eine Großbaustelle über so lange Zeit so präzise planen und koordinieren kann.
Wie gelingt euch der bisher perfekt verlaufende Workflow?
Dietmar: Es gibt mehrere Faktoren, die für einen reibungslosen Ablauf, Terminsicherheit, Präzision und Qualität stehen:
Erstens: Eine absolut lückenlose und komplett abgeschlossene Planung bildet das Fundament. Bei diesem Projekt konnten wir durch das angewandte Partnering-Verfahren von Beginn an aktiv mitgestalten. Das spart Zeit, Geld und unsaubere Schnittstellen.
Die Verzahnung aller Beteiligten, der Austausch auf Augenhöhe und das gemeinsame Ziel waren und sind ebenfalls ein wichtiger Erfolgsfaktor.
Zweitens: Das Thema Digitalisierung spielt eine wichtige Rolle. Wir haben unsere Prozesssteuerung auf eine Art „digitales Daumenkino“ aufgesetzt. Das bedeutet, wir haben über den gesamten Bauprozess hinweg, jeden einzelnen Arbeitsschritt, inklusive der zuliefernden Gewerke (z. B. den Stahlbau, das Betonwerk oder Partnerfirmen), die Manpower und die Logistik bis hin zum Fahrplan der DB abgebildet. Dieses „Daumenkino“ gibt den Takt vor. Wenn wir in der Metapher bleiben wollen: Jede Note des Baustellenorchesters ist definiert. Dann klappt es auch mit dem Zusammenspiel.
Weitere Faktoren sind Know-how – wir von SCHMID bauen seit 60 Jahren Brücken –, bewährte Partner und ein perfektes Backoffice. Sprich Experten in der AV, in der Disposition, im Einkauf … Kurz: ein super Team hinter der Baustelle.
Redaktion: Welche Besonderheiten zeichnen die Baustelle Wallstraßenbrücke aus?
Johannes: Nun, ein großer Teil der Arbeiten wird zwischen den Gleisen, bei zum Teil laufendem Personen- und Güterverkehr, ausgeführt. Das ist schon außergewöhnlich und macht die Arbeit heikel – in puncto Sicherheit, Termindruck und Logistik.
Ein Beispiel: Bei der Herstellung des Mittelpfeilers auf Achse 30 war der Zugang ausschließlich über Schienen möglich. Alle Baumaschinen, Baumaterialien, aber auch der Aushub müssen mittels Bahnwagen über die Gleise zu- und abgefahren werden. Das heißt, arbeiten im Schichtbetrieb, um die Sperrzeit möglichst kurz zu halten. Jeder Arbeitsschritt, der auf einer Baustelle mit freiem Zugang Routine ist, verursachte bei diesem Bauabschnitt große Logistik- und Zeitaufwände. Weitere Nachteinsätze waren nötig, um die Maschinen von Achse 30 auf Achse 40 umzusetzen. Das ging wieder nur über die Schienen.
Das gesamte Projekt ist etwas Besonderes – denken wir an den Rückbau des alten Brückenabschnittes oder die Sicherung der durchgehenden Befahrbarkeit der B10 während der gesamten Bauphase.
Redaktion: Helmut, wir müssen dir erst eine persönliche Frage stellen: Unsere Recherche hat ergeben, dass du seit 36 Jahren für die MATTHÄUS SCHMID Gruppe arbeitest. Alwin immerhin schon seit 23 Jahren. Zusammen sind das 58 Jahre Kompetenz im Roh-, Hoch- und Ingenieurbau. Erstens: Wie kommt es zu so langen Betriebszugehörigkeitszeiten und zweitens: Kann einem da noch irgendetwas überraschen?
Helmut: Zum ersten Teil der Frage: Mir ist klar, dass es unpopulär geworden ist, sein ganzes Berufsleben lang in nur einem Unternehmen zu arbeiten. In dem Punkt bin ich aber gerne „oldschool“ – wie mein Sohn sagen würde. Mir gefällt meine Arbeit wahnsinnig gut. Ich liebe Beton und ich liebe es, zu sehen, wie unsere Bauwerke entstehen. Bauen ist immer eine Gemeinschaftsleistung und jede Fertigstellung ein Erfolgserlebnis. Es ist einfach, wie im Sport. Mit einem starken Team, das funktioniert und zusammenhält ein Projekt zu reißen, ist einfach der Hammer. Was will ich mehr?
Dazu kommt, dass jede Baustelle anders und jedes Bauwerk ein Unikat ist. Das bringt ständige Abwechslung und kein Tag ist wie der andere.
Und da sind wir auch schon beim zweiten Teil eurer Frage: Ja, mich kann noch so einiges überraschen. Es ist nicht zu glauben, aber nach 36 Jahren lerne ich immer noch täglich dazu oder muss spontan kreativ sein, weil sich ein Prozess anders entwickelt als geplant. Klar, die Basis bete ich euch im Schlaf runter, aber einige Aufgaben fordern mich, oder uns, schon immer wieder heraus.
Redaktion: Was ist das zum Beispiel?
Helmut: Auf dieser Baustelle erweitert sich z. B. unsere Verantwortung auch auf den Luftraum. Über unseren gesamten Aktionsraum verlaufen die Leitungen für die Stromversorgung des Bahnverkehrs. So wird das Einheben von z. B. Schalungsmaterial zum buchstäblichen Hochseilakt für den Kranfahrer. Stichwort Arbeitsbereichsbegrenzung.
Anderes Beispiel: Zum Betonieren des Pfeilers auf Achse 30 musste aus Zugänglichkeitsgründen eine 130 Meter lange Zuleitung für den Beton gelegt werden. Das hat man auch nicht jeden Tag.
Oder gestern zum Beispiel mussten wir, kurz nach dem Start der Gründungsarbeiten an Achse 60 die Arbeit einstellen lassen, da außer dem erwarteten Fels eine Lehmschicht entdeckt wurde. D.h., die geologischen Verhältnisse entsprachen nicht zu 100 % den berechneten Gegebenheiten. Das bedeutet nun eine Detailprüfung dieser Stelle und eine Nacharbeit für die Gründungsarbeiten. Solche Herausforderungen sind normal und machen unseren Beruf spannend.
Redaktion: Der Ingenieurbau, insbesondere der Brückenbau, gilt im Bauwesen als die Königsdisziplin. Empfindest du das auch so? Und wenn ja, warum?
Alwin: Ja, ich empfinde das auch so. Rein beruflich, weil es sich beim Neubau von Brücken zumeist um wirklich große Bauwerke handelt, bei denen große Materialmengen zum Einsatz kommen und echte Ingenieurs- und Handwerkskunst gefragt ist.
Aber das allein ist es nicht. Schon in der frühen Baugeschichte waren es die Brücken, die Menschen verbunden, den Handel vorangebracht und Fortschritt möglich gemacht haben. Mit Brücken assoziieren wir das Zusammenkommen, das Wort „überbrücken“ bringt das Überwinden von Hindernissen zum Ausdruck, das Erreichen von neuen Möglichkeiten. Das wird auch bei der neuen Wallstraßenbrücke so sein. Sie wird wieder eine wichtige Nord-Süd-Verbindung für Abertausende Reisende, Pendler, Stadtbesucher oder Güter sein. Brücken stehen für Bewegung und letztlich sogar für Wohlstand.
Wenn ich über eine Brücke fahre, dann ist das immer ein erhebendes Gefühl – ich denke mir dann immer, wie viel Arbeit darin steckt und wie die Streckenführung wohl aussähe, wenn man keine Brücke hätte. Das ist aber bestimmt ein Stück weit eine Berufskrankheit.
Wir bedanken uns ganz herzlich bei unseren Interviewpartnern und wünschen weiterhin einen guten Baustellenverlauf.
Hier einige weitere spannende Links zur Erneuerung B10 in Ulm:
Einblicke Erneuerung B10:
https://www.youtube.com/watch?v=vAaV1ZwfG7s
https://www.ulm.de/rathaus/stadtpolitik/ulm-baut-um/wallstrassenbruecke_blaubeurertortunnel
https://www.ulm.de/leben-in-ulm/verkehr-und-mobilitaet/verkehrsprojekte/sanierung-b10
Einblicke Landesgartenschau:
https://sinai.de/projekt/projekte/landesgartenschau-ulm-2030
https://www.ulm.de/rathaus/stadtpolitik/landesgartenschau-2030/verbindliche-zusage-lgs
https://www.asp-architekten.de/portfolio-items/rahmenplan-lgs-ulm-2030/
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